Die Zukunft fasziniert uns: Wie werden wir morgen und übermorgen leben?

Der Stadt Luzerner Georges T. Roos, führender Zukunftsforscher der Schweiz, analysiert seit 1997 die treibenden Kräfte des gesellschaftlichen Wandels. Seine Zeitdiagnosen weisen in die Zukunft unserer Gesellschaft in der globalisierten Welt, benennen die Herausforderungen, stellen die Risiken unverblümt dar betonen aber immer auch nachdrücklich die Chancen. Ein Gespräch mit dem Lifestyle Magazin Zentralschweiz

Interview von Sacha Ercolani

Herr Georges T. Roos, werden sich selbststeuernde Autos durchsetzen oder werden unsere Städte zukünftig autofrei sein?
Autonome Fahrzeuge haben enorme Vorteile: Sie nutzen die Verkehrsflächen optimaler aus, sie brauchen keine Abstellflächen und sie können eine Zwischenstellung von öV und MIV ausfüllen: Gemeinsam genutzte Shuttles, die nach Bedarf die Fahrzeiten und die Routen individuell festlegen. Auf diese Weise genutzt, führen sie in den Städten der Zukunft dazu, dass viel Lebensraum auf den ehemaligen Parkplätzen frei wird und dass der Verkehr abnimmt und flüssiger wird. Wenn allerdings jeder sein eigenes autonomes Auto nutzen will – was aus meiner Sicht keinen Sinn mehr macht – könnte es im Gegenteil zu einer grossen Verkehrszunahme führen, weil dann auch Kinder und Betagte plötzlich mit Autos in den Städten unterwegs wären.

Besteht die Möglichkeit, dass flexible sich selbst steuernde Fahrzeuge die spurgebundenen Züge oder die Postautoverkehre mittelfristig ablösen?
Auf den Hauptverkehrsachsen, also zwischen den grösseren Städten und in dichten Ballungsräumen rund um solche Städte, gibt es kein effizienteres Verkehrsmittel als spurgebundene Züge und S-Bahnen. Für die abgelegenen Regionen hingegen sehe ich mittelfristig einen Ersatz der Postautos durch autonome Shuttle.

Lohnt es sich überhaupt noch, in fixes und spurgebundenes Rollmaterial oder in grossvolumige Busse zu investieren?
In den dicht besiedelten Gebieten auf jeden Fall. Es ist unvorstellbar, dass 400 Personen statt in einer einzigen S-Bahn-Komposition mit weit über 100 autonomen Fahrzeugen von und zum Züricher HB fahren. Das würde ein Chaos sondergleichen kreieren.

Mobilität bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung. Wird der Wunsch nach individueller Mobilität künftig nachlassen?
Wir müssen zwei Aspekte unterscheiden: Wenn immer mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben – die Schweiz in 20 Jahren wird 10 Mio. Einwohner haben – nehmen die Einschränkungen und Regeln zu. Das geht zweifellos auf Kosten völliger Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Umgekehrt verhelfen intelligente Mobilitätssysteme zu mehr individuellen Bedürfnisbefriedigungen, weil fixe Fahrpläne und fixe Fahrstrecken mehr und mehr verschwinden werden. Autonome Fahrzeuge verhelfen auch jenen zu Mobilität, die heute davon ausgeschlossen sind, z.B. Betagte oder Kinder. Ich gehe davon aus, dass der Wunsch nach individueller Mobilität zwar nicht nachlassen wird, aber die Befriedigung dieses Wunsches mehr als heute kanalisiert sein wird.

Die Kombination aus selbstfahrenden Autos und Car-Sharing in Form von Teilen und Poolen eröffnet neue Möglichkeiten. Ist das klassische Automobil in den urbanen Gebieten vom Aussterben bedroht?
Der Mobilitätsexperte José Viegas hat als Leiter des OECD International Transport Forum eine Modellrechnung für Lissabon vorgenommen: Gegenüber der Zeitschrift Picture of the Future von Siemens sagte er: «Nutzt man die U-Bahn weiter wie bisher und teilt die Fahrzeuge rund um die Uhr, könnte man dieselbe Mobilität mit nur rund vier Prozent der derzeitigen Autoflotte erreichen.“ Die Antwort auf Ihre Frage lautet daher: Ja.

Voll vernetzte Autos kommunizieren miteinander, mit ihrer Umgebung und übernehmen das Steuer. Wie lange dauert es, bis das Realität wird?
Autonomes Fahren wird in 5 Stufen aufgeteilt: Stufe 1 ist assistiertes Fahren. Das ist mehr oder weniger Standard heute, z.B. der Tempomat. Stufe 2 ist das teilautomatisierte Fahren: Hier ist der Tesla einstufen, aber auch die teureren Modelle von Audi, Mercedes, BMW und anderen. In gewissen Situationen fährt das Fahrzeug autonom, kann die Spur halten. Stufe 3 ist hochautomatisiertes Fahren: Die Systeme übernehmen schon fast komplett, können den Fahrer aber auffordern, in unklaren Situation selber zu übernehmen. Auf dieser Stufe laufen heute Testversuche. Stufe 4 ist das vollautomatisierte Fahren: Die Industrie erwartet, dass wir in 5 Jahren soweit sein werden. Der Fahrer kann sich während der Fahrt ganz anderen Dingen widmen. Stufe 5 ist dann das fahrerlose Auto: Fahrzeuge haben gar kein Steuerrad mehr. Wir kommen jedes Jahr etwas weiterauf diesen Stufen. Spannend finde ich wissenschaftliche Projekte, die daran tüfteln, wie man Autos für das autonome Fahren nachrüsten kann.

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